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Der ewige Kampf
Was für eine herrliche Erfindung das Frühstück ist.
Weniger herrlich ist die Tatsache, dass es sich nicht von selbst anrichtet. Der Morgen beginnt so meist in gnadenloser Empörung über die Ungerechtigkeit Gottes, weil er dem Frühstück kein Bewusstsein einhauchen will.
Nach einer Weile treibt dich doch ein brutales Stechen in der Magengegend aus der warmen
und flauschigen Sicherheitszone für das Gemüt und du polterst wutschnaubend in die Küche.
Eventuell aufkreuzende Mitbewohner können sich dann angesichts des heranpreschenden
Unmutes nur noch durch instinktgesteuerte Hechtsprünge in die Garderobe retten.
Der Unterkiefer ist ausladend nach vorn gefahren, dein Atem geht stoßweise. Die Finger zum
Angriff gekrallt, mit schützend angezogenen Schultern stehst du da, um dir deinen Platz als
Stärkerer in der Nahrungskette deiner WG zu sichern. Dein boshafter Blick springt im Raum
umher, als würdest du ein Tennismatch beobachten.
Netzball, als dein Blick den Kühlschrank erreicht.
Das kalte Metall des Türgriffs entspannt dich ungemein. Du holst einen Liter H-Milch hervor.
Tetrapak.
Ein sauberes Glas kannst du dir unter Zuhilfenahme eines unkontrollierten,
mitbewohnervergraulenden Schreckschreis auch noch sichern. Glücklich über den Fund, setzt
du dich an den Tisch. Deine Stimmung ist ausgelassen.
Jetzt erst mal ein Glas Milch, denkst du dir. Einfach den Schnippel von der Milchtüte
abreißen.
Denkst du dir.
Tatsächlich aber hängst du wie ein Sportruderer an der Milchpackung. Mit beiden Händen krampfhaft an der Lasche zerrend, deine Füße benutzend, um deinen Zug zu unterstützen, mit dem Oberkörper in immerwährendem Rhythmus wild Schwung holend. Es geht ums nackte Überleben.
Nach mehreren Minuten und Litern vergossenen Schweißes hast du einen schmalen Riss in das Tetrapak hinein erobert. Völlig außer Atem versuchst du mit zittriger Hand, dir etwas Milch einzugießen.
Die Annahme, dass das einfach so mal eben geht, war natürlich vollkommen naiv.
Das einzige, was durch einen dünnen Milchfilm benetzt wurde, war ein durchsichtiges Häutchen zwischen der Lasche und dem Rest der Milchtüte.
Mit entschlossenem Blick zerstörst du den Feind brutal mit einem zuckenden Stoß deines Zeigefingers, der sich tief in seine kalten Eingeweide bohrt. Weißes Blut spritzt über den Küchentisch.
Aber immerhin ist die Packung jetzt offen. Ungefähr so offen, wie der Erdboden, nachdem ein
Meteroit eingeschlagen ist: ein klaffendes, ausgefranztes, nasses Loch dehnt sich in einem
Radius von Zehn Zentimetern von der Stelle aus, die durch Perforation als eigentliche
Öffnung makiert war.
Da aber bekanntlich das Auge nur mitisst, ist dir das egal.
Du planst, dir endlich Milch einzuschenken.
Weit gefehlt.
Die Packung fühlt sich in deinen Händen an wie ein kotzendes Kleinkind. Stakkatoartig
schwappen riesige Schlucke Milch aus dem Tetrapak und treffen alles.
Außer deinem Glas.
In letzter Konsequenz fehlendder Mutterliebe rast du mit dem Objekt deiner Hassliebe in
Richtung Bad. Dort trittst du die Tür ein, wo sich dir offenbart, dass deine Mitbewohnerin
BHs mit Luftpolstern trägt, weil sie selbst offensichtlich überhaupt keine Oberweite hat.
Außerdem, dass sie im Ultraschallbereich schreien kann.
Du hörst nämlich keine Schmerzensschreie, nachdem sie, vor Schreck auf dem nassen Boden
ausgerutscht, einen nahezu perfekten Rückwärtssalto hinlegend, mit dem Kopf auf die
Kloschüssel aufschlägt.
Was dich natürlich nicht ablenken kann.
Du rammst den Stopfen in den Ausguss des Waschbeckens und schleuderst unter Aufbietung
aller deiner Kräfte das Milchpaket hinein, wo es klatschend aufschlägt und spritzend
zerberstet.
Der Feind ist besiegt.
Triumphierend tauchst du deinen Kopf in die Milch im Waschbecken und trinkst es in tiefen,
seufzenden Zügen leer.
Und insgeheim freust du dich schon auf das morgige Frühstück, wenn es wieder gilt:
Mensch - oder Tetrapak.
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